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Bradley Brothers / Chamberlin, Harry


Bradley Brothers
Heinrich Deisl
Bradley Brothers / Chamberlin, Harry: Mellotron

Synthesizer oder doch Sampler? Das 1970 auf den Markt gebrachte Mellotron »M400« beziehungsweise seine Vor- und Nachgänger der »Mark«-Serie und als »Novatron« weisen Eigenschaften von beiden auf und machen das gut 55Kilo schwere Gerät zu einer der wahrscheinlich spannendsten Instrumente elektronischer Musik. Der weiche Klang des »M400« wurde besonders gern in Pop- und Progressive-Rock-Stücken verwendet, seine symptomatischen Chor-, Flöten- und Streicherklänge kamen auf einer Reihe von Nummern und Platten zum Einsatz: So bei »Strawberry Fields Forever« (The Beatles), »Rock Bottom« (Robert Wyatt), »In Court of the Crimson King« (King Crimson), bei Pavlov’s Dog, Led Zeppelin, Klaus Schulze, Pink Floyd, OMD, Moody Blues, Robert Fripp und bei den meisten ’70er-Platten von Tangerine Dream. Aber auch die BBC orderte ein Gerät, da es ihr ein idealer Apparat für ihre Radio-Soundeffekteabteilung erschien. Die Bezeichnung »Mellotron« setzt sich aus »melody« und electronics« zusammen. Bei dem zwar teuren, aber nicht exorbitanten Gerät handelt es sich praktisch um einen Sampler, der über 35 Manual-Tasten mit bespielten Tonbandschleifen über einen entsprechenden Tonkopf verbunden ist und das 1260 Klänge liefert.

Ursprünglich war das von den Brüdern Norman, Leslie und Frank Bradley 1962 außerhalb von Birmingham (UK) gegründete Unternehmen Bradmatic Ltd. auf die Produktion von Tonköpfen spezialisiert gewesen. Durch einen amerikanischen Auftrag jedoch konnte man 1964 den ersten Prototyp, das Mellotron »Mark1« präsentieren. Es dauerte allerdings bis 1970, bis dass die Macken, weswegen das Mellotron auch noch in späterer Folge fast kultisch verehrt wurde, großteils behoben worden waren. Mit jeder der 35 Tasten waren 128cm lange 3/8-Zoll-Masterbänder zu bedienen. Diese Aufnahmen konnten mit einem Pitch und einer Anschlagsdynamik reguliert werden und, da die Soundbibliotheken nebeneinander lagen, konnte man die Klänge auch mischen. Die drei Sektionen umfassten Melodie, Rhythmus und Begleitung: Wenn man alles zusammen spielte, konnte sich das anhören wie eine ganze Band.

Wie so oft bei wirklich herausragenden Instrumenten gestaltete sich der weitere Verlauf des Mellotrons insofern schwierig, als dass die Stammfirma zwar liquide, der Vertrieb allerdings in Konkurs ging. So war man bei Bradley gezwungen, die Produktion abzugeben und das Gerät wurde als »Novatron« weitergebaut. Interessant ist: Die über einen Rahmen gespannten Masterbänder waren mit Musikfragmenten von bekannten Bands aufgenommen worden. Dazu hatte Bradmatic Ltd. angeboten, das Mellotron mit eigenen Sounds zu bestücken; Dazu wäre es lediglich notwendig gewesen, ein Master an die Firma zu schicken und diese hätte das entsprechende Tape hergestellt. Warum Konjunktiv? Glaubt man der einschlägigen Literatur, wurde von dieser Möglichkeit so gut wie kein Gebrauch gemacht. Höchstens Eddie Jobson, Keyboarder bei Roxy Music, war auf die Idee gekommen, das Mellotron mit den Klängen eines Mini-Moog-Synthesizers zu präparieren, um damit polyphon spielen zu können. Wegen seiner komplizierten Bauweise und seiner störanfälligen Mechanik wurde das Mellotron und in den ’80ern sukzessive von elektronischen Imitaten und von verbesserten Samplern und Streicher-Keyboards verdrängt, später wurden digitale Mellotron-Samples bei einigen Techno-Produktionen verwendet. Heutzutage hat der Apparat so gut wie keinen praktischen Nutzen mehr.

 
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