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Magneton



Peter Donhauser
Zahnradmusik

cogwheelsZahnscheibengeneratoren wurden im Prinzip erstmals in den USA von Thaddeus Cahill ab 1894 für ein elektrisches Musikinstrument verwendet. Die damit gebauten Generatoren hatten mehr Ähnlichkeit mit einem Kraftwerk als mit einem Musikinstrument – das 200 Tonnen schwere Instrument wurde bis 1918 öffentlich vorgeführt. Um ein praktikables Instrument aus der Idee zu entwickeln, musste die Anordnung laufend verkleinert und verbessert werden. Das nächste Patent findet sich 1926 in Frankreich.1 Wilhelm Lenk (Assistent an der Universität Wien) arbeitete am selben System. Sein Patent2 zeigt als schematische Abbildung bereits die zwölf Zahnscheiben-Wellen der endgültigen Ausführung Stelzhammers. Entscheidend für die Brauchbarkeit des Instruments war die Konstanz der Umdrehungszahlen. Lenk erfand zu dem Zweck eine über ein „Frequenznormal“ geregelte Motorsteuerung. 3

Die Wiener Klavierbaufirma Stelzhammer, die sich (wie viele deutsche Hersteller auch) in Zeiten der Rezession nach neuen Produkten umsah, ermöglichte Lenk die Umsetzung seiner Ideen. Ab 1930 (vier Jahre vor Hammond) wurden einige vorführbereite Exemplare des Instruments hergestellt, von denen sich nur eines erhalten hat. Für eine praktische Nutzung waren noch einige Verbesserungen fällig, so z. B. die Möglichkeit eines Tremolos4 und Klangfarbenschaltungen5.

Magneton descriptionDie Neue Freie Presse schrieb in ihrer Ausgabe vom 14. August 1930: „In einem Wiener Laboratorium ist in Verbindung von Forschergeist und Alt-Wiener Werkmannsarbeit ein Instrument entwickelt worden, welches besondere Beachtung verdient. […] Der Komponist wird dadurch angenehm überrascht sein, dass er durch eine kleine Drehung eines Einstellknopfes mühelos rein automatisch transponiert. […] Es ist aber gerade bei diesem System der Weg der experimentellen Forschung am leichtesten und aussichtsreichsten“.

Die Fachpresse meinte, das Instrument eigne sich hervorragend zu Übungszwecken. 6 Vinzenz Goller7 schrieb in der Zeitschrift für Instrumentenbau: „Eine sklavische Nachbildung des Orgeltones mit seiner charakteristischen Starrheit wurde absichtlich vermieden und dadurch dem Toncharakter des Instruments eine Reihe besonderer Eigenheiten aufgedrückt. […] Was mir das Magneton8 besonders sympathisch macht, obwohl ich mit der Pfeifenorgel aufgewachsen und mit ihr seit 50 Jahren unzertrennlich verbunden bin, ist die Erkenntnis, dass dieses neue Instrument der historischen Orgel nicht feindlich gegenübertritt“.9 Gollers positive Einschätzung des Magnetons entsprang der „volksliturgischen Bewegung“, die die Orgel auf der Westempore als größtes Hindernis für die aktive Teilnahme der Gläubigen empfand. Da sich aber kaum eine Kirche ein zweites Instrument als Chororgel leisten konnte, empfand Goller das Magneton als die ersehnte Lösung des Problems.

Eine Aufführung im Rahmen der Veranstaltung „Neue liturgische Musik auf modernem Instrument“in der Wiener Urania am 4. Dezember 1934 sollte die Tauglichkeit des Instruments beweisen. Man hatte zusätzlich zur Organistin Marya Hofer die damals bekannten Sängerinnen Erika Rokyta und Jella Braun-Fernwald verpflichtet. Weiters wirkten noch der Pianist und Musikwissenschaftler Peter Stadlen und Ferdinand Scheminzky mit, der Autor des bekannten Buchs Die Welt des Schalles.10 Außer diesem „verheißungsvollen Anfang“11
ist jedoch nichts Weiteres von diesem Instrument zu berichten.

Fußnoten:


1 Armand Zouckermann, Patent GB 271259 vom 26. 5. 1927.

2 Patent AT 128615 vom 29. 3. 1930.

3 Patent AT 135415 vom 26. 8. 1931.

4 Patent AT 129556.

5 Patent AT 131755.

6 Fritz Noack, Fortschritte der mechanischen Musikerzeugung, in: Musikblätter des Anbruch, 12. Jg., 1930, S. 253ff.

7 Konservativer katholischer Kirchenmusiker, Komponist und wichtigster Vertreter des Cäcilianismus in Österreich.

8 Entgegen der in einer Werbebroschüre verwendeten Bezeichnung „Magnetton“ findet sich häufig die Schreibweise mit einem „t“.

9 Vinzenz Goller, Das Magneton, in: Zeitschrift für Instrumentenbau, Jg. 54, 1933/34, S. 103.

10 Nach freundlicher Mitteilung von Christian Stifter, Österreichisches Volkshochschularchiv.

11 Das Magneton, in: Musikblätter des Anbruch, 16. Jg., 1934, S. 202.

 
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