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Skvortsov, B.P.


Heinrich Deisl
B. P. Skvortsov: Sprechendes Papier

Nachdem das Grammophon bis in die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger komplett ausgereift war, ging man vielerorts daran, die Kapazitäten der Aufzeichnungsmedien zu vergrößern. Alexander Shorin erfand das Shorinophon und Fritz Pfleumer perfektionierte in dieser Zeit das Magnetophon. Der russische Ingenieur P. B. Skvortsov baute eine Apparatur, die als „Sprechendes Papier“, „Sprechendes Buch“ bzw. „Singendes Buch“ bekannt wurde. Obwohl: Nur sehr wenig ist über diesen Konstrukteur bekannt. Immerhin wurden ihm zwischen 1931 und 1934 einige Patente zuerkannt, die sich mit einem Gerät zur Klangspeicherung auseinandersetzten.

Skvortsov war, ebenso wie Shorin, anscheinend sehr vom Kino beeinflusst. Dies wahrscheinlich auch deswegen, weil Lenin schon Mitte der 20er Jahre die Parole ausgegeben hatte, dass der Film die wichtigste aller Künste sei. Skvortsov verwendete – ähnlich den Filmsteifen – Papierbänder, auf denen acht Spuren aufgedruckt waren und von einem Lichtstrahl erleuchtet wurden. Der Lichtstrahl änderte sich mit den Tonwellen. Immerhin hatte jedes Band eine Spieldauer von ca. 50min. und war bis zu 3600mal abspielbar. Interessant am „Sprechenden Papier“ war die Möglichkeit, Phonogramme polygrafisch zu vervielfältigen, die Tonaufzeichnung wurden mittels eines gespiegelten Lichtstroms abgelesen. Weiterer Vorteil des „Sprechenden Papiers“: die geringen Anschaffungskosten. Eine sehr moderne Vorwegnahme der Audiocassette also und ein direkter Verwandter des Pfleumer’schen Magnettonbands.

Diese Erfindung dürfte rasch sehr populär geworden sein, bereits 1931 kam Skvortsov mit dem Volkskommissariat für Post und Telegrafie vertraglich überein, drei Versionen des Apparats herzustellen: einen stationären für die Übertragungen des Volkskommissariats, einen leichteren für die kleinen Sendestationen der Kolchosen und für Klubs sowie eine preiswerte Variante als massentauglichen Ersatz für das Grammophon. Das „Sprechende Papier“ schien der Propaganda zuträglich, eine landesweite Verbreitung wurde angestrebt: So wurde das Papier 1934, nachdem es erfolgreich am 17. Parteitag demonstriert worden war, vom Komitee für Erfindungen neben anderen Erfindungen als besonders wichtig eingestuft und die diesbezüglichen Produktionstests erheblich beschleunigt. Skvortsov wurde die Leitung des Forschungsinstituts übertragen, bis 1941 wurden 150 Bänder unterschiedlichen Inhalts (Aufnahmen verschiedener Musikgenres, Ansprachen etc.) mit 50min. Spielzeit produziert und zu etwa einem Drittel des Preises einer Schallplatte verkauft. Im Zentralen Universalkaufhaus – ZUM in Moskau wurde eine eigene Nische für die Bänder eingerichtet, die ab Juni 1941 angeboten hätten werden sollen. Indes ereilte das „Sprechende Papier“ ein ähnliches Schicksal wie das Shorinophon: Im Juni ’41 trat die UdSSR in den Zweiten Weltkrieg ein. Nach dem Krieg interessierte sich niemand mehr für das „Sprechende Papier“, da es galt, die Magnettontechnik weiterzuentwickeln. Was mit dem gut zehn Jahre vorher gefeierten B. P. Skvortsov nach dem Krieg passierte, ist praktisch nicht überliefert.

 
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