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Rhythmikon



Andrej Smirnov
Rhythm ’n’ Light

Das Rhythmikon oder Polyrhythmophon ist die erste „Rhythmusmaschine“ der Welt. Die Präsentation dieses von Lew Termen1 Ende 1931 gebauten Instruments erfolgte am 19. Januar 1932 an der New School for Social Research, wo der US-amerikanische Avantgarde-Komponist und Musiktheoretiker Henry Cowell lehrte. Die beiden waren einander 1929 vom Dirigenten Nicolas Slonimsky vorgestellt worden. Die Zeit für klangliche und rhythmische Erneuerung schien gekommen: Cowell setzte im dritten Satz des Concerto for Piano and Orchestra rhythmische und metrische Einheiten gegeneinander – auf traditionelle akustische Weise eine pianistische Tour de force. Er beauftragte daher im Jahr 1930 Lew Termen, das überaus innovative Rhythmikon zu bauen. Cowell schwebte ein Instrument vor, mit dem polyrhythmische Kompositionen gespielt werden konnten. Seinen Beitrag dazu beschrieb er 1932 in einem Brief an seine Stiefmutter:

„Zu dieser Erfindung steuerte ich die Idee bei, dass so ein Instrument unerlässlich für die weitere rhythmische Entwicklung sei, die mehr oder weniger an die Grenze der manuellen Ausführbarkeit gestoßen war und des Einsatzes mechanischer Hilfsmittel bedurfte. […] Ich kam auf den Gedanken, Tonhöhe und Rhythmus zueinander in Beziehung zu setzen. Die Idee, dass das Prinzip des unterbrochenen Lichtes, das auf eine Photozelle gerichtet ist, dafür am besten geeignet wäre, stammt ebenfalls von mir. Ich ging damit zu Theremin, der dann alles Übrige erledigte. Er erfand die Methode, mit der Licht unterbrochen werden kann, stellte die elektrischen Berechnungen an und baute das Instrument. Das Instrument selbst erfüllt einen doppelten Zweck: Es erlaubt einerseits die Produktion von Rhythmus und einem damit in Beziehung stehenden Klang, die über alle bisherigen Möglichkeiten hinausgeht; andererseits können nunmehr erstens Melodie und Harmonie rhythmisch organisiert und zweitens zahlreiche physikalische und psychologische Experimente mit Rhythmus durchgeführt werden.“2

Das Rhythmikon konnte bis zu 16 verschiedene Rhythmen produzieren – einen periodischen Grundrhythmus auf einem gewählten Grundton und 15 zunehmend schnellere Rhythmen, wobei jeder mit einem der aufsteigenden Teiltöne der harmonischen Naturtonreihe in Zusammenhang steht. Wie die Naturtonreihe selbst folgen auch die Rhythmen einer arithmetischen Reihe, sodass für jeden Schlag auf dem Grundton zwei Schläge auf dem zweiten Teilton, drei Schläge auf dem dritten Teilton und so weiter gespielt werden können. Über die Klaviatur können diese Rhythmen einzeln oder in jeder beliebigen Kombination erzeugt werden.

Cowell schrieb mehrere Kompositionen für das Instrument, darunter Rhythmicana (für Rhythmikon und Orchester, 1931) und Music for Violin and Rhythmicon (1932). Joseph Schillinger errechnete, dass es 455 Tage, zwei Stunden und 30 Minuten dauern würde, alle auf dem Rhythmikon möglichen Kombinationen zu spielen, wobei er von einer durchschnittlichen Dauer von jeweils zehn Sekunden ausging. Das Instrument wurde jedoch kaum eingesetzt, da es etliche gravierende Nachteile hatte, die wohl auf die Diskrepanz zwischen einem schönen technischen Konzept und den tatsächlichen musikalischen Erfordernissen zurückzuführen waren. Das Rhythmikon konnte nur sehr kurze Klänge produzieren, wobei die tiefen Töne kaum zu hören waren. Das Hauptproblem lag aber darin, dass man durch wiederholtes Niederdrücken der Tasten die Rhythmen nicht neu starten konnte, sondern nur die Lautstärke von periodischen rhythmischen Mustern steuerte.

Termen baute in den frühen 1960er Jahren am Moskauer Konservatorium ein drittes, kompakteres Modell, das sich nunmehr im Theremin Center in Moskau befindet und noch immer funktionstüchtig ist – die Teile dafür musste er sich auf Industriemüllhalden zusammensuchen …

Fußnoten:


1 Vgl. Albert Glinsky, Theremin – Ether Music and Espionage, Urbana 2000.

2 Leland Smith, Henry Cowell’s Rhythmicana, in: Yearbook for Inter-American Musical Research Vol. 9, 1973, S. 134–147.

 
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