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Akaphon



Dieter Kaufmann
Tu felix Gottwald

Hellmut Gottwald (1938–2004) war einer der wichtigsten Partner und Anreger meiner „elektroakustischen Existenz“. Als er im Jahr 1959 ans Studio der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst berufen wurde, gab es dort zwar Geräte zur Messung, Erzeugung und Reproduktion elektronischer Frequenzen, die bis dahin hauptsächlich zur Feststellung der Hörfähigkeit aufnahmewilliger angehender Studenten oder zur Dokumentation von Aufführungen eingesetzt wurden, aber es gab keinen „Hexenmeister“, der sie kreativ zu nutzen verstanden hätte. Gottwald war bis zur Einrichtung der Lehrgänge für „Tontechnik“ und „Elektronische Musik“ Mitte der 1960er Jahre praktisch der Spiritus Rector der neuen Technologie. Er stellte Kontakte zu Komponisten her und verlockte sie gleichsam, die neuen Klangmöglichkeiten kennen zu lernen.

Am besten ist ihm das wohl bei Anestis Logothetis gelungen, dessen zwanzigminütiges Werk Fantasmata, bereits 1960 entstanden, einen Meilenstein in der Geschichte der Komposition mit elektronischen Medien darstellt. In Österreich war es jedenfalls das erste größere Werk, das zwischen konkreter und synthetischer Musik vermittelt – zwischen Geräusch und Sinuston, gleichsam zwischen Paris und Köln – und die elektronische Verarbeitung von Sprachklängen (noch vor Herbert Eimert) ebenso wie die Einbeziehung damals aktueller politischer Bezüge (Kongo-Krieg) demonstriert. Obwohl als Ballett konzipiert, ist es meines Wissens bis heute noch nicht getanzt worden.

Friedrich Cerha, Otto M. Zykan, Günther Kahowez, Klaus-Peter Sattler, Franz Blaimschein und Heinz Karl Gruber arbeiteten in den 1960er Jahren ebenfalls an der Realisation von elektronischen Stücken, die ohne Hellmut Gottwald sicher nicht zustande gekommen wären. Und auch Gäste nützten das kreative Klima: Boris Blacher realisierte mit Gottwalds Hilfe Teile von Hörspielmusiken; Kurt Rapf verlangte von Gottwald ein Contra-H, das nach Konzentrationslager klingen sollte – und erhielt es; Fatty George bekam, was er an Elektronik für seinen Einsatz im Rundfunk suchte …

Akaphon tone generator circuit layoutUm all diesen Aufgaben gerecht zu werden, entwarf und konstruierte Gottwald immer wieder neue Geräte, angefangen von Filtern, die er mit Hilfe von Matador-Bausteinen herstellte, über Akapiep und Akaschieb bis zum legendären Akaphon. Im Studienjahr 1963/64 wurde am Institut der Lehrgang für Elektroakustische Musik gegründet. Im selben Jahr begann Gottwald ein elektronisches Instrument zu bauen, das als Vorläufer der späteren Voltage-Controlled-Synthesizer angesehen werden kann. Das Instrument nannte er Akaphon – eine Hommage an die Musikakademie. Aus Kostengründen verwendete er damals das Gehäuse eines alten Pianinos.

Mit Hilfe dieses frühen Synthesizers realisierte er aber auch selbst beispielhafte Stücke, sei es Akaphon-Instrumentierungen von Bekanntem (z. B. den Hummelflug von Rimskij-Korsakow) oder autonom Elektroakustisches (wie Hommage à Mailüfterl, der gleichnamigen Entwicklung des Wiener Computer-Gurus Heinz Zemanek gewidmet). Und immer wieder gelangen ihm Erfindungen mit einfachsten Mitteln, die so gut wie immer optimal funktionierten. Manchmal half auch ein Fußtritt oder die Beschwörung der Maschine – es war ja die Zeit der Analogtechnik!

Viele hundert Kilo wurden an Geräten in Aufführungsräume geschleppt, als ich 1970 meinen Dienst am Lehrgang des Studios begann und dessen bisherigen Leiter Friedrich Cerha in dieser Funktion bald ablöste. Mein Ziel war es, für das neue Medium mehr Öffentlichkeit zu gewinnen – alles undenkbar ohne den Maestro der Technik … So beschallten wir gemeinsam Räume im In- und Ausland.

Hellmut Gottwald, der in seiner Freizeit ein mehrfach preisgekrönter Turnierreiter war, hatte in späteren Jahren auch eine eigene Firma, entwickelte Schaltungen für Verkehrsampeln, Elektronik zur maschinellen Schuhbesohlung oder zur Herstellung unzerstörbarer Autoreifen; ja selbst zum Ausschäumen von Schützengräben im Nah-Ost-Krieg hatte man sich an ihn gewandt. Es reizte ihn, das scheinbar Unmögliche auf einfachstem Weg möglich zu machen – und er konnte es.

 
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