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Termen, Lew


Lew Sergejewitsch Termen
Heinrich Deisl
Lew Sergejewitsch Termen

Sozusagen der Superstar der frühen Klangkunst. Termen entwickelte das Rythmikon und das Terpsiton, am bekanntesten wurde er durch das Theremin. Es wurde berichtet, dass Viele nicht nur durch sein virtuoses Spiel, mit dem er dem Instrument »geisterhafte« Klänge entlockte, in Verzückung gerieten sondern auch ob seiner charmanten Erscheinung. Im Pool der anderen Erfinder dieser Zeit, die sich mit zauberhaften Klangmaschinen auseinandersetzten, ist Termen sicher eine Art Rudolph Valentino unter ihnen. Nicht umsonst trägt die 1995 von Bulat Galeyev verfasste Termen-Biografie den vielsagenden Titel »Der sowjetische Faust«. Termen, der 1919/20 das erste elektrische Musikinstrument der Welt, das Theremin, erfunden hatte, war in den frühen ’30er Jahren in den USA ein gefeierter Konstrukteur, wurde Anfang des Zweiten Weltkriegs in ein sibirisches Gulag deportiert, war Spion, Physiker, kannte Lenin, Chaplin und Einstein persönlich, erhielt 1947 den Stalinorden 1. Klasse und trat 1990 in die KPdSU ein. Hinsichtlich Bekanntheit bei Konstrukteuren elektrischer/ elektronischer Musikinstrumente kann es höchstens Bob Moog mit ihm aufnehmen. – So ist es vielleicht mehr als eine konsequente Fügung des Schicksals, dass Moog, nachdem er bereits 1949 erste Prototypen gebaut hatte, seit den 60ern auch für die Produktion hochwertiger Theremins steht. Erst 1989 kam es zum »Gipfeltreffen« der beiden, als sie sich zum ersten Mal persönlich begegneten. Termens Leben, ein Mythos.

Lew Sergejewitsch Termen, der seinen Namen später in den USA auf Leon Theremin anglizierte, wurde am 27. August 1896 in St. Petersburg geboren. Nach einem Cello-Studium am Petersburger Konservatorium studierte er an der dortigen Universität Physik, ab 1919 war er Leiter des physikalisch-technischen Instituts in Petrograd und arbeitete ab 1923 auch mit dem Moskauer Institut für Musikwissenschaften zusammen. Wie die beiden deutschen Konstrukteure Heinrich Küchenmeister (Ultraphon) und Jörg Mager (Kurbelsphärophon) war Termen 1927 zum Frankfurter Festival »Musik im Leben der Völker« eingeladen; Und stahl mit seinem »Geisterinstrument« allen die Show. Ein Jahr später übersiedelte er im Zuge einer internationalen Präsentationstournee seines Theremins nach New York. Mittels der Produktionslizenz des Theremins durch die Radio Corporation of America – RCA wurde Termen auch in den USA eine sehr bekannte Person. Dieser kometenhafte Aufstieg wurde jäh gebremst, als Termen 1938 auf freien Stücken in die UdSSR zurückkehrte. Warum genau, ist bis heute Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Er wurde unter Anklage gestellt, kam in ein Gulag und später in ein Scharaschka (Spezialgefängnis für Wissenschafter). Termen hatte sich indes nicht nur mit Musikinstrumenten befasst, sondern auch mit dem Fernsehen und mit militärischer Forschung. Der selbe Mechanismus, durch den das Theremin Töne produziert, findet sich auch in Überwachungsanlagen und Minendetektoren. Nachdem Termen in der Haft für den KBG recht passable Abhör-Wanzen entwickelt hatte, wurde ihm zwei Jahre nach dem Krieg der Stalinorden umgehängt. Wie Galeyev sarkastisch anmerkt: Das war angewandte Dialektik. Danach hatte man lange nichts mehr von ihm gehört, als er 1963 als Direktor für Akustikforschung am Moskauer Konservatorium praktisch aus der Versenkung auftauchte und 1971 an die Physikalische Fakultät der Universität Moskau berufen wurde. Er starb, 97jährig, am 3. November 1993 in Moskau.

Seit 1992 existiert das Zentrum für Elektroakustische Musik am Moskauer Staatlichen Konservatorium, wo sich das von Andrej Smirnov gegründete Theremin Center befindet. Das Theremin Center versteht sich als erste Anlaufstelle zu historischen, technischen und musikalischen Fragestellungen rund um Termen und der Elektroakustik in Russland. Seit einiger Zeit ist wieder ein verstärktes Interesse an diesem, wenn nicht »unspielbaren«, indes nur schwer handzuhabenden Instrument mit seinem prägnanten Klang festzustellen. Spannenderweise sind die meisten Thereminspieler von internationalem Rang Frauen; so etwa Clara Rockmore, Lydia Kavina (die Großnichte Termens), Elisabeth Schimana, Pamelia Kurstin, Barbara Buchholz oder Dorit Chrysler. Das Theremin war gerngenutztes Instrument für Film (»Odna«, 1931, mit Kompositionen von Schostakowitsch oder »Lost Weekend«, 1945, M. Rózsa), wurde zum paradigmatischen Instrument der Sci-Fi- und Horrorfilme der ’50er und ’60er Jahre und kam bei Musikern wie Laibach, Jean-Michel Jarre, Tom Waits, The Cramps, Jimmy Page oder dem japanischen Noise-Projekt C.C.C.C. zum Einsatz. Das Gerät, das die Beach Boys – und hier besonders Brian Wilson – für ihre legendäre Nummer »Good Vibrations« verwendeten, war laut Mark Brend (»Strange Sounds«, 2005) kein Theremin, sondern ein vom amerikanischen Erfinder Paul O. Tanner weiterentwickeltes »Electro-Theremin«.

Literaturtipp (inklusive reichhaltigem Bildmaterial): Richard Kriesche (Hg.): Lev Termen. Ausstellungskatalog »Graz – Mockba – Graz«. Leykam, Graz, 2005.

 
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